Ein exemplarischer Prozess
Ein Klient mit Schwierigkeiten gesunde Grenzen zu bewachen
Eine Frau sucht Beratung, da sie in ihrem Beruf sich überverantwortlich verhält. Ihr Familienleben und ihre Gesundheit leiden darunter. Obwohl sie sich ihrer Tendenz bewusst ist, gelingt es ihr nicht, ihre Grenzen zu wahren
Im direkten Kontakt bemerkt der Berater, dass die Klientin sehr strukturiert, organisiert und pünktlich ist. Er bemerkt gleichzeitig ihre Tendenz, sich etwas um ihn zu kümmern. Zudem nimmt er wenig Leichtigkeit oder Fröhlichkeit im Umgang miteinander wahr
Als die Frau über ihre Vergangenheit spricht, kommt heraus, dass ihre Mutter in ihrer Kindheit verstorben ist. Sie übernahm in ihrer Familie unverhältnismäßig viel Verantwortung gegenüber ihrem jüngeren Bruder und dem Haushalt. Sie handelte aus Liebe zu ihrem Vater und Loyalität zu ihrer Herkunftsfamilie
Die Klientin kann ihre Geschichte distanziert und sachlich erzählen. Erst als der Supervisor sie in eine Aufstellung mit das Zurückgeben von Aufgaben einbezieht, brechen die Tränen der unbewältigten Trauer um ihre Mutter hervor. Sie betrauert auch den Mangel an Unbekümmertheit und Leichtigkeit ihrer Jugend
Sowohl die Trauer als auch danach das Üben eines neuen, authentischen „Nein“ eröffnen Raum für neue Entscheidungen in der Gegenwart. Es ermöglicht der Klientin, gesunde Grenzen zu wahren, während sie mit sich selbst und dem Ander in Kontakt bleibt
-Professionelle Bemerkungen-
Reines kognitives Bewusstsein bietet nicht immer eine vollständige Lösung. Implizit kommuniziert die Klientin eine verlegte Loyalität gegenüber dem System ihres Arbeitsplatzes
Im das gegenwartigen Kontakt mit der Berater*in bringt die Klientin das zugrundeliegende Thema bereits implizit zum Ausdruck.
Es war die beste Antwort, die sie als Kind geben konnte. Aber in dem gegenwart dient diese Antwort weder ihr selbst noch den verschiedenen Systemen (Familie, Arbeit), denen sie angehört
Anstatt zu reden, ist manchmal ein symbolischer, metaphorischer oder körperorientierter Ansatz ein effektivere Ansatz
Nach der Trauer, bemerkt die Beraterin/der Berater, dass die Klientin sanfter wird. Auch erlebt der Berater*in das neue „Nein“ als ein authentischer und überzeugender Ausdruck einer Grenz
